Welche Konsonanten die Schreiber der Pyramidentexte weglassen konnten

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Phonologie
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Jochem Kahl hat vor dreißig Jahren gezeigt, dass in der frühesten ägyptischen Schrift – den ersten drei Dynastien und den Pyramidentexten – nur sechs Konsonanten im Innern von Wortstämmen regelmäßig ungeschrieben bleiben. Neu gezählt aus den Pyramidentexten im TLA bilden die sechs eine phonologische Klasse – und das Schilfblatt 𓇋 steht mitten darin, neben 𓅱.

Veröffentlichungsdatum

11. Oktober 2026

Die ägyptische Schrift schreibt Konsonanten, und sie schreibt nicht immer alle. Ein Wort wie bꞽk „Falke”, 𓃀𓇋𓎡𓐱𓅃, kann als 𓃀𓎡𓐱𓅃 erscheinen, ohne das Schilfblatt 𓇋; snsn „sich verbrüdern” kann 𓋴𓌢𓐰𓈖 geschrieben sein, ohne die Reduplikation. Jochem Kahl hat die Inschriften der ersten drei Dynastien durchgesehen1 und in einem eigenen Aufsatz die Pyramidentexte,2 und in beiden Korpora sind es dieselben sechs Konsonanten, die im Innern eines Stammes ungeschrieben bleiben: 𓅱 w, 𓇋 ꞽ, 𓄿 ꜣ, 𓅓 m, 𓈖 n, 𓂋 r. Andere Konsonanten bleiben nur vereinzelt ungeschrieben, was Kahl mit Sethe als Schreibversehen wertet, und in einigen bestimmten Wörtern wie ḥtp und ḏd-mdw.

Kahl selbst hat das Schilfblatt als glottalen Verschlusslaut gelesen und unter den Prinzipien hinter den Auslassungen „de[n] besondere[n] Status des Halbvokals w, des glottalen Verschlußlautes ꞽ und der Liquiden” genannt.3 In einer Fußnote gibt er eine Beobachtung von Frank Kammerzell weiter: Die Auslassungen werfen die Frage auf, ob ꞽ, zumindest in den Wortformen, in denen es ungeschrieben bleiben kann, überhaupt ein glottaler Verschlusslaut ist – als palataler Gleitlaut gelesen, würde es sich mit den übrigen fakultativ schreibbaren Lauten w, m, n, r, ꜣ unter dem Merkmal [+sonorant] zusammenfinden, wo ein Verschlusslaut [−sonorant] wäre.4 Diese Idee stellt der Beitrag auf die Probe.

Die Klasse trägt nur, wenn alle sechs Sonoranten sind. w, m, n und r sind es – Konsonanten, bei denen der Mundraum so weit offen bleibt, dass sie die Last eines Vokals tragen können –, und ꜣ ist eine Liquida, wie Otto Rössler gezeigt hat, als er es mit semitischem r gleichsetzte und das „Ammenmärchen” vom ägyptischen Alif verabschiedete.5 Das eine Mitglied, über dessen Lautwert noch gestritten wird, ist das Schilfblatt 𓇋. Carsten Peusts Überblick über die Frage6 ordnet die Literatur in drei Lager: ein Gleitlaut /j/ (unter anderen Loprieno 1995 und Peust selbst 1999), ein glottaler Verschlusslaut /ʔ/ oder ein vokalischer Einsatz (von Brugsch 1864 bis Allen 2013 und Peust 2016), oder beides von Anfang an (darunter Sethe, Edel und Gardiner). Eine vierte Lesart hat seither an Boden gewonnen: Jim Allen (2020, 78) sieht in dem Zeichen die Markierung eines Vokals – im Anlaut, im Auslaut oder zweier aufeinanderfolgender im Wortinnern – und gar keinen Konsonanten, und Daniel Werning hat dasselbe für die Gleitlaute der grammatischen Endungen vertreten.7 Wenn die sechs eine phonologische Klasse sind, muss das Schilfblatt dazugehören, und dann bleibt für einen Verschlusslaut kein Platz. Dieser Beitrag zählt die Auslassungen noch einmal, aus dem Thesaurus Linguae Aegyptiae statt von Hand, und stellt Kammerzells Frage in drei Schritten: ob die sechs wirklich die einzigen sind, ob ein distinktives Merkmal sie von allen übrigen trennt und ob die Raten, mit denen sie weggelassen werden, zu diesem Merkmal passen.

Was der TLA schon kodiert

Die Transkriptionen des TLA unterscheiden, wie Editionen es tun, den Konsonanten, den eine Schreibung ungeschrieben lässt, ms(ꞽ)ꜣ:t, von dem, den die Bearbeiter*innen als Schreiberfehler ergänzen, 〈n〉ṯr. Beides lässt sich getrennt zählen, und die Fehler dienen dann als Kontrollgruppe: Wäre Auslassung nichts als Nachlässigkeit, müssten ungeschriebene und vergessene Konsonanten dieselbe Verteilung zeigen.

Das Material sind die acht Pyramiden, die der TLA (Korpusausgabe v20) als Pyramidentexte zusammenfasst: die fünf aus Kahls Tabelle von 1992 und aus Sethes Edition – Unas, Teti, Pepi I., Merenre, Pepi II. – und die der Neith, des Ibi und der Anchenespepi II. Zusammen ergeben sie 114 130 Wort-Token. Gezählt werden nur Inhaltswörter – Substantive, Verben, Adjektive, Namen, Zahlwörter, Titel. Die Pronomina, Präpositionen und Partikeln, die den Rest ausmachen, sind formelhaft geschrieben, und die meisten bestehen aus nichts als den fraglichen Konsonanten – m, n, r, ꞽw, ꞽn –, sodass ihre Zählung die Schreibung einer Handvoll Funktionswörter messen würde statt die von Wortstämmen; das lässt 67 100 Token übrig. Gezählt wird wie bei Kahl: Die Einheit ist der Wortform-Typ, ein Lemma in einer bestimmten Schreibung, sodass ein hundertmal gleich geschriebenes Wort einmal zählt und ein Wort mit drei Schreibungen dreimal. Komposita werden am Bindestrich getrennt. Bestandteile in eckigen Klammern – zerstört, von den Bearbeiter*innen ergänzt – bleiben draußen, weil niemand sagen kann, was dort geschrieben stand; das entfernt 9 613 Bestandteile. Übrig bleiben 4 345 Wortform-Typen, jeder mit einer Beobachtung je Stammkonsonant, insgesamt 12 267 Beobachtungen. Die drei Pyramiden außerhalb von Kahls Korpus tragen weniger bei, als ihr Umfang vermuten lässt: Es sind weitgehend dieselben Sprüche von anderer Hand, vier von fünf ihrer Wortform-Typen kommen auch in den fünf vor, und die Raten der sechs liegen innerhalb eines halben Prozentpunkts, ob man die fünf zählt oder alle acht.

Das Schilfblatt wird für sich gezählt: 𓇋 ꞽ (Gardiner M17), das Doppelschilfblatt 𓇌 y und der schwache Endradikal ꞽ̯ von Verben wie mrꞽ̯ bleiben getrennt, denn der letzte ist aus einem anderen Grund konventionell ungeschrieben und würde sonst die Zahlen für die Endposition überschwemmen.

Die sechs, und nur die sechs

Abbildung 1 zeigt für jeden Konsonanten den Anteil der Wortform-Typen, in denen er ungeschrieben ist (blau), und den Anteil, den die Bearbeiter*innen als Schreibfehler behandeln und ergänzen (rot).

Auslassungsrate je Konsonant in den Pyramidentexten: ungeschriebene Konsonanten gegen von den Bearbeiter*innen emendierte. Gruppierte Balken für 24 Konsonanten. Blau: Anteil der Wortform-Typen, in denen der Konsonant ungeschrieben ist (runde Klammern im TLA); der graue obere Teil eines Balkens ist der Anteil, der auf die vier Wörter entfällt, deren Defektivschreibung Kahl 1992 als regulär führt: ḏd-mdw, ḥtp, ḥꜥpꞽ, ṯrp. Rot: Anteil mit Emendation (spitze Klammern). Die sechs Sonoranten links tragen fast alles Blau; die Auslassungen der Obstruenten sind überwiegend grau; Rot ist über alle Konsonanten flach. 4 % 8 % 12 % 16 % Sonoranten Obstruenten w 𓅱 902 ꞽ 𓇋 918 ꜣ 𓄿 1002 m 𓅓 858 r 𓂋 737 n 𓈖 1257 d 𓂧 388 ꜥ 𓂝 394 p 𓊪 436 ḏ 𓆓 415 b 𓃀 532 z 𓊃 329 t 𓏏 361 s 𓋴 844 ḥ 𓎛 603 f 𓆑 156 h 𓉔 107 ḫ 𓐍 476 ẖ 𓄡 69 š 𓈙 371 q 𓈎 166 k 𓎡 186 g 𓎼 114 ṯ 𓍿 217 ungeschrieben ( ) davon in ḏd-mdw, ḥtp, ḥꜥpꞽ, ṯrp (regulär, Kahl 1992) von den Bearbeiter*innen ergänzt 〈 〉 Striche: 95-%-Wilson-Intervalle des blauen und roten Teils · graue Zahl: Wortform-Typen
Abbildung 1: Auslassungsrate je Konsonant in den Pyramidentexten. Blau: der Konsonant ist in dieser Wortform ungeschrieben (runde Klammern in der TLA-Transkription); der graue obere Teil eines Balkens ist der Anteil davon, der auf die vier Wörter entfällt, deren Defektivschreibung Kahl als regulär führt, ḏd-mdw, ḥtp, ḥꜥpꞽ und ṯrp. Rot: von den Bearbeiter*innen ergänzt (spitze Klammern). Die Striche sind 95-Prozent-Wilson-Intervalle des blauen und des roten Teils; die kleine Zahl unter jedem Konsonanten ist die Zahl der Wortform-Typen, die ihn enthalten.

Die blauen Balken sind Kahls Ergebnis, unabhängig gewonnen: w 14,3 Prozent, ꞽ 12,6, ꜣ 7,4, m und r je 4,5, n 1,5 – und dann nichts mehr. Kein Obstruent erreicht 2,5 Prozent, und die wenigen Obstruentenfälle lassen sich aufzählen. d verdankt seine acht einem einzigen Wort, der Formel ḏd-mdw „Rezitation”, mit dem Logogramm geschrieben, 𓆓𓐳𓌃, und ḏ(d)-mdw transkribiert. ꜥ hat fünf, aus ḥꜥpꞽ „Überschwemmung”, 𓎛𓊪𓐰𓈘, ꞽꜥnꜥ „Pavian”, 𓇋𓂝𓐰𓈖, und ḏꜥm, einem Zepter. p hat fünf, darunter ḥt(p), 𓊵𓐰𓏏. Der Rest sind überwiegend abgekürzte Reduplikationen – bꜣ(bꜣ), sn(sn), zn(zn) –, ein ganz anderes Verfahren. Das sind lexikalische Ausnahmen, keine schwächere Form derselben Sache, und Kahl hat die Grenze schon gezogen: Die Auslassung von p in ṯrp und in Wörtern, die mit dem Logogramm ḥtp geschrieben werden, von ꜥ in ḥꜥpꞽ8 und von d in ḏd-mdw ist regulär, Textzeuge für Textzeuge belegt, während die übrigen Obstruenten-Fälle vereinzelt sind und, mit Sethe, Schreibversehen.9 In den Abbildungen sind diese vier Wörter ausgegraut, in jedem Konsonanten, den sie betreffen,10 und was von den Obstruenten bleibt, ist eine Streuung von Einsen und Zweien – ꞽꜥn(ꜥ), ḏ(ꜥ)m, ꜥ(b)š, sḫ(p).t, die Reduplikationen –, kein Konsonant über 0,5 Prozent, gegenüber 1,5 für n, den am seltensten ausgelassenen der sechs.

Kahls zwei Zählungen stimmen schon untereinander überein: Die sechs stehen in den frühdynastischen Inschriften und in den Pyramidentexten in nahezu derselben Reihenfolge (Spearmans ρ = 0,90).11 Zählt man nur Kahls fünf Pyramiden und hält das Ergebnis gegen seine Handzählung, stimmt die Rangfolge der sechs überein (Spearmans ρ = 0,81 über die sechs Konsonanten, 0,73 über die achtzehn Zellen aus Konsonant und Position). Die absoluten Zahlen sind hier höher – Kahl verzeichnet zwanzig ausgelassene Typen für w, der TLA liefert 119 –, was einen naheliegenden Grund hat: Der TLA klammert jeden konventionell ungeschriebenen Konsonanten, ob er nun „stammintern” in Kahls engerem Sinn ist oder nicht. Auf die Rangfolge kommt es an, und die Rangfolge ist dieselbe.

Die roten Balken sind die Kontrolle, und sie sind flach. Ergänzungen der Bearbeiter*innen liegen für jeden Konsonanten zwischen drei und sieben Prozent, Sonorant oder nicht, ohne die geringste Neigung zu den sechs (ein Rangsummentest ergibt p = 0,95, gegenüber p = 0,0002 für die blauen Balken). Die Schreiber haben sich bei jedem Konsonanten gleich oft vertan. Was sie weglassen durften, war eine andere und viel kleinere Menge. Die alte Sorge, Kahls Liste könnte eher seine eigenen Entscheidungen darüber spiegeln, was als Fehler gilt, als eine Eigenschaft des Schriftsystems, kann man beiseitelegen. Die Trennung, die hier benutzt wird, ist die der Bearbeiter*innen, Wort für Wort und ohne die Klasse im Sinn; wäre ihre Fehlerkategorie mit Auslassungen durchsetzt, die in Wahrheit konventioneller Art sind, müssten die roten Balken über den sechs steigen, und das tun sie nicht.

Ein Merkmal

Sechs Konsonanten, die man weglassen kann, sind noch keine Klasse. Ob sie eine sind, ist die Frage, die die Prager Schule die Phonologie an jede Gruppe gleich sich verhaltender Laute zu stellen gelehrt hat: Gibt es ein distinktives Merkmal, das alle teilen und keiner der übrigen hat? Der Test lässt sich durchführen, ohne den Lautwert des Schilfblatts vorher festzulegen. Jeder Konsonant des Inventars des Alten Reiches bekommt für fünfzehn Merkmale einen Wert, plus oder minus – silbisch, konsonantisch, sonorant, approximant, kontinuierlich, nasal, lateral, stimmhaft, verengte und gespreizte Glottis sowie die Artikulationsorte labial, koronal, dorsal, pharyngal und laryngal.12 Die umstrittenen Zeichen bekommen je eine Zeile für jede Lesart: das Schilfblatt als Gleitlaut /j/ und als glottaler Verschlusslaut /ʔ/, ꜣ als Liquida und als glottaler Verschlusslaut, ꜥ als der Verschlusslaut /d/, der es vor der 3. Dynastie war, und als das pharyngale /ʕ/, zu dem es wurde. Für jedes Merkmal und jede Kombination von Lesarten zählt man dann, wie viele Konsonanten auf der falschen Seite landen, wenn „plus” mit „kann weggelassen werden” gleichgesetzt wird. Abbildung 2 zeigt das Raster mit den umstrittenen Zeichen in den Lesarten, unter denen die sechs eine Klasse bilden, und unter jedem Merkmal diese Zahl.

Das Merkmalsraster: welches einzelne Merkmal die sechs auslassbaren Konsonanten vom Rest trennt. Ein Raster aus 24 Konsonanten und 15 distinktiven Merkmalen, dazu für Schilfblatt, ꜣ und ꜥ je eine Zeile mit der anderen Lesart; dunkle Zellen plus, helle minus. Die sechs auslassbaren Konsonanten bilden den oberen Block. Unter jeder Spalte steht die Zahl der Konsonanten, die das Merkmal auf die falsche Seite stellt; nur [sonorant] hat null. silbisch konsonantisch sonorant approximant kontinuierlich nasal lateral stimmhaft verengte Glottis gespreizte Glottis labial koronal dorsal pharyngal laryngal auslassbar w ꞽ ꜣ r m n nie ausgelassen ꜥ b f h ḥ ḫ ẖ z s š q k g t ṯ d ḏ p die anderen Lesarten ꞽ als /ʔ/ ꜣ als /ʔ/ ꜥ als Sonorant falsch eingeordnet 6 5 0 2 9 4 6 4 9 8 7 10 10 7 7 + − nicht spezifiziert
Abbildung 2: Das Merkmalsraster. Zeilen: die 24 Konsonanten, die sechs auslassbaren oben, unter der Linie die jeweils andere Lesart der umstrittenen Zeichen; Spalten: 15 distinktive Merkmale, dunkel für plus, hell für minus. Die Zahl unter jeder Spalte ist die Zahl der Konsonanten, die das Merkmal auf die falsche Seite der Grenze auslassbar/nicht auslassbar stellt.
Tabelle 1: Lesarten der umstrittenen Zeichen und die Konsonanten, die [+sonorant] dann auf die falsche Seite stellt.
ꞽ ꜣ ꜥ von [+sonorant] falsch eingeordnet
Gleitlaut Liquida Verschlusslaut keiner
Gleitlaut Liquida pharyngaler Sonorant ꜥ
Gleitlaut glottaler Verschlusslaut Verschlusslaut ꜣ
Gleitlaut glottaler Verschlusslaut pharyngaler Sonorant ꜣ, ꜥ
glottaler Verschlusslaut Liquida Verschlusslaut ꞽ
glottaler Verschlusslaut Liquida pharyngaler Sonorant ꞽ, ꜥ
glottaler Verschlusslaut glottaler Verschlusslaut Verschlusslaut ꞽ, ꜣ
glottaler Verschlusslaut glottaler Verschlusslaut pharyngaler Sonorant ꞽ, ꜣ, ꜥ

Ein Merkmal zieht die Grenze genau, [+sonorant], und nur in einer Kombination: das Schilfblatt ein Gleitlaut, ꜣ eine Liquida, ꜥ kein Sonorant (Abbildung 2, Tabelle 1). Die nächstbesten Merkmale scheitern an Stellen, die sich benennen lassen. [+approximant] erfasst die Gleitlaute und Liquiden, lässt aber m und n draußen, die ebenfalls weggelassen werden; [+stimmhaft] erfasst alle sechs, bringt aber b, g, ꜥ und ḫ mit, die es nie werden; jedes andere Merkmal ordnet vier Konsonanten oder mehr falsch ein. Liest man das Schilfblatt als glottalen Verschlusslaut, kommt kein Merkmal unter einen Fehler, und dieser Fehler ist das Schilfblatt selbst: ein Verschlusslaut, der weggelassen wird, während b, d, g und q es nie werden. Liest man es als Vokalzeichen, gehört es gar nicht in eine Tabelle der Konsonanten; diese Lesart kann der Merkmalstest vom Gleitlaut nicht unterscheiden, und zu suchen ist dann danach, wo im Wort die Auslassungen fallen (unten).

Dieselbe Überlegung gilt für ꜥ, das nicht zur Gruppe gehört. Wäre es in den Pyramidentexten ein Sonorant gewesen – ein pharyngaler Approximant, wie /ʕ/ es oft ist –, müsste es weggelassen werden wie die sechs, und das wird es nicht: zwei vereinzelte Typen unter 394, sieht man von Kahls ḥꜥpꞽ ab. Wie immer ꜥ damals klang, es verhielt sich wie ein Obstruent.

Der Test hat zwei Grenzen. Er ist nur so gut wie die Merkmalswerte, und die sind eine Rekonstruktion: Er zeigt, unter welchen Lesarten die sechs eine Klasse bilden, nicht, dass die Rekonstruktion stimmt. Und er behandelt „kann weggelassen werden” als Ja oder Nein. Hier kommen die Zahlen wieder ins Spiel. Die roten und die grauen Balken sind es, die das Ja oder Nein vertretbar machen, und die Raten sagen mehr als Ja oder Nein.

Drei Lesarten, vier Modelle

Der Merkmalstest sagt, welche Konsonanten weggelassen werden können. Er sagt nicht, wie oft, und auch das können die Zahlen beantworten; mit ihnen lassen sich die Lesarten des Schilfblatts an den Zahlen vergleichen statt an einem Ja oder Nein. Jede Lesart des Schilfblatts sagt voraus, wie oft jeder Konsonant in jeder Position ungeschrieben bleiben sollte, und die Lesarten lassen sich daran vergleichen, wie gut sie die Tabelle vorhersagen. Vier Modelle, jedes eine Regression der Auslassungsrate auf die Klasse des Konsonanten und seine Position im Stamm, bayesianisch angepasst mit schwach informativen Priors:

  • Gleitlaut. Zwei Klassen, Sonorant und Obstruent, das Schilfblatt bei den Sonoranten.
  • Verschlusslaut. Dieselben zwei Klassen, das Schilfblatt bei den Obstruenten.
  • Positionssplit. Das Schilfblatt bekommt eigene Terme, einen für die Stammmitte und einen für die Ränder; die übrigen Konsonanten wie im zweiten Modell. In der früheren Fassung dieser Analyse stand es für die Vokalzeichen-Lesart, die ein abweichendes Verhalten der Ränder vorhersagt; der nächste Abschnitt zeigt, warum man es besser nennt, was es ist, einen Split nach Position.
  • Gradierte Sonorität. Keine zwei Klassen, sondern eine Skala: Gleitlaute, Liquiden, Nasale, Obstruenten, jede Stufe mit derselben erlaubten Änderung der Rate.

Verglichen werden die Modelle daran, wie gut jedes die Zellen vorhersagt, an die es nicht angepasst wurde, in einer Währung, in der höher besser ist und ein Unterschied an seinem Standardfehler zu messen ist.13 Das Verschlusslaut-Modell liegt am Ende, bei −410 ± 101. Das Gleitlaut-Modell ist um etwa 170 besser, bei −240 ± 52. Der Positionssplit ist noch besser, bei −199 ± 50, und die gradierte Skala ist die beste von allen, bei −122 ± 20, mit den wenigsten Parametern. Abbildung 3 zeigt, warum.

Beobachtete Auslassungsrate je Konsonant gegen die Vorhersagen dreier Modelle. Oben: je Konsonant die beobachtete Rate (schwarzer Punkt) und die vorhergesagte Rate mit 90-Prozent-Intervall unter der Verschlusslaut-Lesart des Schilfblatts (rot), der Gleitlaut-Lesart (blau) und dem Modell gradierter Sonorität (dunkel). Unten: das Schilfblatt nach Position, vorhergesagt von einem Modell, das es nie gesehen hat, als Sonorant und als Obstruent. 5 % 10 % 15 % w ꞽ ꜣ m r n d ꜥ p ḏ b z t s ḥ f h ḫ ẖ š q k g ṯ beobachtet Schilfblatt als Verschlusslaut Schilfblatt als Gleitlaut gradierte Sonorität Das Schilfblatt, vorhergesagt von einem Modell ohne es 10 % 20 % 30 % initial medial final vorhergesagt als Obstruent vorhergesagt als Sonorant beobachtet
Abbildung 3: Oben: beobachtete Auslassungsrate je Konsonant (schwarz) und die von drei Modellen vorhergesagte Rate mit 90-Prozent-Intervallen – das Schilfblatt als Verschlusslaut (rot), als Gleitlaut (blau) und die Skala gradierter Sonorität (dunkel). Unten: das Schilfblatt nach Position, vorhergesagt von einem Modell, das an die übrigen 23 Konsonanten angepasst wurde, einmal als Sonorant und einmal als Obstruent.

Die roten Marken sagen, wie ein Verschlusslaut aussehen müsste: das Schilfblatt bei etwa 2 Prozent, zwischen d, p und b. Es liegt bei 13. Die blauen Marken setzen jeden Sonoranten auf eine Höhe nahe 7 Prozent, und auch das tun die Daten nicht: w und das Schilfblatt liegen deutlich darüber, m und n deutlich darunter. Die dunklen Marken folgen dem Gefälle – Gleitlaute zuerst, Liquiden danach, Nasale zuletzt –, und das ist das Modell, das die Tabelle bevorzugt. Kahl selbst hatte die sechs als Übergangszone zwischen den stets geschriebenen Konsonanten und den stets ungeschriebenen Vokalen beschrieben;14 das gradierte Modell gibt diesem Übergang ein Gefälle, und [+sonorant] markiert, wo er beginnt. Was der Positionssplit über das einfache Gleitlaut-Modell hinaus leistet, ist kein Randeffekt der Vokalzeichen-Art: Seine beiden Terme setzen das mediale Schilfblatt auf 4,1 [3,6; 4,5] auf der Log-Odds-Skala und die Ränder auf 3,4 [3,1; 3,8], beide über den übrigen Sonoranten bei 2,5 [2,2; 2,8]. Das Schilfblatt darf auslassbarer sein als m, n, r und ꜣ, und es nutzt den Spielraum.

Die untere Tafel macht denselben Punkt ganz ohne das Schilfblatt in der Anpassung. Ein Modell, das an den übrigen 23 Konsonanten trainiert ist, sagt für einen Sonoranten 1,6 Prozent Auslassungen im Anlaut voraus, 6,8 in der Mitte und 8,9 im Auslaut; für einen Obstruenten 0,1, 0,6 und 0,8. Beobachtet für das Schilfblatt: 5,6, 26,0 und 18,1. Es steht nicht bloß auf der Sonorantenseite der Linie; es liegt in jeder Position über dem durchschnittlichen Sonoranten, dort, wo w ist.

Derselbe Vergleich lässt sich über die Lesarten führen, die tatsächlich vorgeschlagen worden sind. Tabelle 2 schickt jede durch den Merkmalstest und durch das gradierte Ratenmodell; die letzte Spalte gibt an, wie weit jede hinter der besten zurückbleibt, mit ihrem Standardfehler; Abbildung 4 zeichnet diese Spalte.

Tabelle 2: Lesarten der umstrittenen Zeichen in der Literatur, nach dem Merkmalstest und danach, wie gut das gradierte Ratenmodell unter jeder die Auslassungen vorhersagt.
Lesart ꞽ ꜣ ꜥ [+sonorant] ordnet falsch ein Abstand zur besten
Peust 1999; Loprieno 1995; Kammerzell für das Alte Reich /j/ Liquida /d/ oder Frikativ /ʕ/ nichts 0
Kammerzell 1995 /j/ Liquida Sonorant ꜥ 9 ± 9
Allen 2020 Vokalzeichen /l/ Approximant /ʕ/ ꜥ 11 ± 9
Edel; Vergote /j/ oder /ʔ/ /ʔ/ /ʕ/ ꜣ, und ꞽ als /ʔ/ gelesen 102 ± 46
Peust 2016; Kahl 1992; Rössler 1971 /ʔ/ oder palataler Verschlusslaut Liquida /d/ oder /ʕ/ ꞽ 239 ± 100
Lesarten der umstrittenen Zeichen in der Literatur: wie weit jede hinter dem besten Modell zurückbleibt. Fünf Lesarten, je ein Punkt mit Strich für einen Standardfehler, auf einer Achse von 0 bis 360. Drei liegen bei oder nahe null; zwei, die das Schilfblatt oder ꜣ als glottalen Verschlusslaut lesen, liegen weit rechts, ihre Striche erreichen die Null nicht. 0 100 200 300 Abstand zum besten Modell (erwartete logarithmische Vorhersagedichte, Leave-one-out) · Strich: ein Standardfehler Peust 1999; Loprieno 1995; Kammerzell 1998 (AR) 0 Kammerzell 1995 9 ± 9 Allen 2020 11 ± 9 Edel; Vergote 102 ± 46 Peust 2016; Kahl 1992; Rössler 1971 239 ± 100
Abbildung 4: Die letzte Spalte von Tabelle 2: wie weit jede Lesart hinter dem besten Modell zurückbleibt, mit einem Standardfehler. Blau: in Reichweite der besten; rot: nicht.

Jede Lesart, die das Schilfblatt oder ꜣ für einen Verschlusslaut hält, bleibt weit zurück, um hundert und mehr, über das Doppelte der Unsicherheit. Zwischen dem Gleitlaut und Allens Vokalzeichen können die Zahlen nicht entscheiden: Ein Modell, das dem Schilfblatt seinen eigenen Weg lässt, ist nicht besser als eines, das es zum Gleitlaut macht (2 ± 3), und das ließ der Merkmalstest erwarten. Das sonorantische ꜥ von Kammerzell 1995 und Allen 2020 schließt der Merkmalstest aus, die Raten neigen nur dagegen, um etwa einen Standardfehler; ein einzelner Konsonant, der fast nie weggelassen wird, wiegt wenig gegen dreiundzwanzig andere.15

Wo im Wort

Die Auslassungen selbst sind als Beleg für die Gegenseite verwendet worden. Allen führt ꞽt ~ t „Vater” und bꞽk ~ bk „Falke” an und schließt, „the frequent omission of j also suits a vocalic mater lectionis better than a phonemic consonant”;16 ein Vokalzeichen, so die Überlegung, ist entbehrlich auf eine Weise, wie ein Konsonant es nicht ist. Peust fügt ein Verteilungsargument hinzu:17 𓇋 ist am Wortanfang weitaus häufiger als irgendwo sonst, was er als Hinweis auf einen glottalen Verschlusslaut oder vokalischen Einsatz liest. Beide Argumente betrachten das Schilfblatt für sich. Abbildung 5 stellt es neben w und ꜣ.

Anteil der Wortform-Typen mit ungeschriebenem Konsonanten nach Position im Stamm, für ꞽ, w und ꜣ. Drei Gruppen zu drei Balken. Bei allen drei Konsonanten hat der Stammanlaut die niedrigste Rate; bei ꞽ hat die Mitte die höchste. 10 % 20 % 30 % initial 27/481 medial 33/127 final 56/310 ꞽ initial 9/301 medial 50/273 final 70/328 w initial 5/98 medial 33/450 final 36/454 ꜣ
Abbildung 5: Anteil der Wortform-Typen, in denen der Konsonant ungeschrieben ist, nach Position im Stamm. Die Striche sind 95-Prozent-Wilson-Intervalle; die Zahlen geben ausgelassene zu gesamten Typen.

Peusts Verteilung bestätigt sich, bis zu einem gewissen Punkt: 481 Wortform-Typen haben 𓇋 im Stammanlaut, 310 im Auslaut, nur 127 in der Mitte. Die Anlautlastigkeit selbst ist nichts Ungewöhnliches – s, ḥ, h und ẖ sind noch anlautlastiger, und š liegt dicht dahinter –, und ein Teil davon ist ein Artefakt der Lemmatisierung, da der TLA das kausative s- und das verbale ꞽ-Präfix nicht vom Stamm trennt. Ungewöhnlich ist die Mitte: 14 Prozent der Vorkommen von 𓇋 sind medial, weniger als bei jedem anderen Konsonanten. Aber eine Verteilung von Zeichen ist keine Verteilung von Lauten, wenn das Zeichen auslassbar ist. Ein Konsonant, der in einem Viertel der medialen Typen ungeschrieben bleibt, in denen die Lexikographie ihn kennt, wird überall dort in der Überlieferung fehlen, wo sie ihn nicht kennt, und diese Wörter tragen zu niemandes Zählung medialer Schilfblätter bei. Die Seltenheit, die Peust beobachtet, ist zum Teil Kahls Auslassung von der anderen Seite gesehen. Das Ratenmodell ist davon nicht betroffen, weil sein Nenner nur Wörter enthält, deren Schilfblatt bekannt ist; ein Verteilungsargument ist es.

Und die Auslassungen laufen in die andere Richtung. Im Anlaut, wo 𓇋 am häufigsten ist, wird es am seltensten weggelassen, 6 Prozent; in der Mitte, wo es am seltensten ist, am häufigsten, 26 Prozent; im Auslaut 18 Prozent, und der Unterschied zwischen der Mitte und den Randpositionen ist kein Rauschen (exakter Test nach Fisher, p < 0,0001). w – nach jeder Auffassung ein Konsonant, Allens eingeschlossen – zeigt dasselbe Profil: 3, 18 und 21 Prozent. Die Raten stimmen überein, die Positionen stimmen überein, und nichts in Abbildung 1 oder Abbildung 5 hebt das Schilfblatt von dem Gleitlaut daneben ab. Auslassung ist das, was die sechs tun; dass das Schilfblatt es auch tut, ist eine Tatsache über die Klasse, nicht über das Schilfblatt. Wäre das Zeichen ein Vokalzeichen, müsste seine Zeile anders aussehen als alles andere in der Tabelle; stattdessen sieht sie aus wie die von w. Die Zahlen können ein Vokalzeichen nicht ausschließen, das sich in jeder zählbaren Hinsicht zufällig genau wie ein Gleitlaut verhielte, aber sie geben keinen Grund, eines vorzuziehen.

Ein Detail sollte gesagt werden, statt es den Lesenden zum Finden zu überlassen. Im Anlaut wird das Schilfblatt in 5,6 Prozent seiner Typen weggelassen, was für das Schilfblatt wenig ist, aber mehr als bei jedem anderen Sonoranten in dieser Position (ꜣ 5 Prozent, w 3, m 1, r und n unter 1). Die 27 Fälle sind lexikalisch gebündelt: der Göttername Ꞽtm:w in drei Schreibungen, ꞽḫ:t „Sache” in fünf, die Nisbe ꞽm:ꞽ und ihre Komposita, ꞽwꜥ „Erbe”, ꞽr:ꞽ, ꞽtꞽ „Vater” – etwa ein Dutzend Lemmafamilien, darunter genau die Substantive, die Allen anführt. Sie sind real, und sie sind die ganze Liste.

Werning hat der mater-lectionis-Lesart ihre ausdrücklichste Form gegeben, und sein Kriterium ist die Häufigkeit: Wird ein Wort oder Morphem viel öfter ohne einen Gleitlaut geschrieben als mit ihm, markiert der gelegentliche Gleitlaut einen Vokal und keinen Konsonanten.18 Die Fälle, die er im Blick hat, sind Endungen – Resultativ, Posterior, Passiv –, und die sind hier mit Absicht ausgeschlossen, weil nur Stammkonsonanten gezählt werden. Auf die Stämme angewandt, schneidet sein Kriterium in die andere Richtung: Stamminternes 𓇋 ist in neun von zehn Typen geschrieben, in der Mitte noch in drei von vier, nach Wernings eigenem Test also ein Konsonant. Wo seine Darstellung und die Zahlen sich treffen, ist seine fünfte Hypothese: Ein phonologischer Gleitlaut kann als Konsonant gesprochen und geschrieben oder als Vokal gesprochen und ungeschrieben gelassen werden, je nach seinem Platz in der Silbe.19 Das ist ein Mechanismus für das, was Abbildung 1 zeigt: Die beiden Gleitlaute werden am meisten weggelassen, weil sie die Konsonanten sind, die zu Vokalen werden können, die Liquiden und Nasale weniger, weil sie das weniger leicht können, die Obstruenten nie. Werning merkt an, seine Argumente funktionierten ebenso, wenn das Schilfblatt ein glottaler Verschlusslaut ist, abgesehen vom schwachen Radikal der Verben;20 die Zahlen tun das nicht. Was wie ein Punkt der Reibung aussieht, lässt sich noch nicht entscheiden. Werning setzt als Axiom, dass intervokalische Gleitlaute üblicherweise ausgeschrieben werden,21 und die Mitte ist die Position, in der 𓇋 und 𓅱 am meisten weggelassen werden – aber ein medialer Konsonant muss nicht zwischen Vokalen stehen. Für einen Teil des Materials sind die Vokale unabhängig bekannt: aus Wolfgang Schenkels Rekonstruktionen deverbaler Nomina auf koptischer Grundlage und aus den Nominalklassen nach Osing und Schenkel, die der TLA für 189 der Lemmata verzeichnet.22 Die beiden Wege der Verknüpfung stimmen noch nicht überein: über die Wurzel zugeordnet, werden Gleitlaute zwischen Vokalen in zwei von dreiundvierzig Typen weggelassen; über die Lemmanummer zugeordnet, in vier von zwölf, gegenüber einem von fünf sonst. Die Zahlen sind zu klein für eine Entscheidung, und die meisten ausgelassenen Gleitlaute dieser Menge sind das w, das Wurzeln III. inf. vor der Femininendung zeigen – ms(w):t, ḥz(w):t, wp(w):t –, wo die erste Frage ist, ob der Gleitlaut überhaupt zur Wurzel gehört. Das ist die Frage, die die Durchsicht Lemma für Lemma beantworten muss, bevor sich die nach der Silbe stellen lässt.

Vorbehalte

Die Klammerkonvention ist die des TLA, und sie ist nicht mit vollständiger Einheitlichkeit angewandt: ꞽꜥnꜥ erscheint sowohl als ꞽꜥn(ꜥ) wie als bloßes ꞽꜥn, und nur die Zeichenkodierung, beide Male 𓇋𓂝𓐰𓈖, zeigt, dass dasselbe geschrieben stand. Die Zahlen oben sind daher eine Untergrenze auf der Grundlage der TLA-Transkriptionen, und der nächste Schritt ist, die Transkriptionen direkt gegen die Zeichenkodierung zu prüfen, die für 49 Prozent der Token vorliegt. Manche medialen Schilfblätter in TLA-Lemmaformen – bꞽk, mꞽn:t, ꞽm:ꞽ – stehen dort wegen später vokalisierter Formen und nicht wegen der Schreibung des Alten Reiches, und eine Durchsicht der geklammerten Sonorantenfälle Lemma für Lemma ist im Gang. Das frühdynastische Korpus von Kahls Buch von 1994 liegt im TLA nicht in dieser Form vor, sodass die Replikation allein auf den Pyramidentexten ruht.

Nichts davon berührt das Hauptergebnis. Sechs Konsonanten können weggelassen werden, sechs Konsonanten sind Sonoranten, und das Schilfblatt ist einer von ihnen.


Acht Pyramiden aus TLA v20 – Unas, Teti, Pepi I., Merenre, Pepi II., Neith, Ibi, Anchenespepi II.: 114 130 Wort-Token, davon 67 100 Inhaltswörter, 4 345 Wortform-Typen nach Ausschluss zerstörter Bestandteile; der Abgleich mit Kahls Handzählung beruht allein auf seinen fünf. Zählung der geklammerten Konsonanten in den TLA-Transkriptionen; vier bayesianische binomiale Regressionen der Auslassung auf Konsonantenklasse und Position und vierundzwanzig weitere für die Lesarten in Tabelle 2, verglichen per Leave-one-out-Kreuzvalidierung (bambi/PyMC, vier Ketten, keine Divergenzen); der Merkmalstest über fünfzehn Merkmale und sechzehn Kombinationen von Lesarten für ꞽ, ꜣ, ꜥ und ḥ. Silbenpositionen nach Schenkel 1983 und den im TLA verzeichneten Nominalklassen. Skripte, Tabellen und die Liste jedes geklammerten Falls mit seiner Satz-ID im TLA liegen im Projektrepositorium, https://scm.cms.hu-berlin.de/paultobi/defektivschreibungen. Die Arbeit ist nicht abgeschlossen; die Befunde sind vorläufig.

Fußnoten

  1. Kahl, Jochem. 1994. Das System der ägyptischen Hieroglyphenschrift in der 0.–3. Dynastie. Göttinger Orientforschungen IV/29. Wiesbaden: Harrassowitz.↩︎

  2. Kahl, Jochem. 1992. Die Defektivschreibungen in den Pyramidentexten. Lingua Aegyptia 2, 99–116.↩︎

  3. Kahl 1992, 105.↩︎

  4. Kahl 1992, 105 Anm. 26, wo der Verschlusslaut zusätzlich als [−stimmhaft] bestimmt ist, was aus [−sonorant] folgt.↩︎

  5. Rössler, Otto. 1971. Das Ägyptische als semitische Sprache. In: Franz Altheim und Ruth Stiehl (Hrsg.), Christentum am Roten Meer 1, 263–326. Berlin: de Gruyter. § 37. Die Liquida-Lesart ist inzwischen die übliche: Loprieno, Antonio. 1995. Ancient Egyptian: A Linguistic Introduction. Cambridge: Cambridge University Press. S. 33 (/ʀ/); Peust, Carsten. 1999. Egyptian Phonology: An Introduction to the Phonology of a Dead Language. Göttingen: Peust & Gutschmidt. S. 127–129, im Anschluss an Schenkel und Kammerzell; Allen, James P. 2020. Ancient Egyptian Phonology. Cambridge: Cambridge University Press. S. 78 (/r/ oder /l/).↩︎

  6. Peust, Carsten. 2016. Der Lautwert der Schilfblatt-Hieroglyphe (M17). Lingua Aegyptia 24, 89–100.↩︎

  7. Werning, Daniel A. 2016. Hypotheses on Glides and Matres Lectionis in Earlier Egyptian Orthographies. In: James P. Allen, Mark A. Collier und Andréas Stauder (Hrsg.), Coping with Obscurity: The Brown Workshop on Earlier Egyptian Grammar (Wilbour Studies in Egyptology and Assyriology 4), 29–44. Atlanta: Lockwood Press.↩︎

  8. Kahl selbst liest das Wort als ḥ(r)p(ꞽ): Nach Rössler kann ꜥ als Begleiterscheinung des Konsonanten /l/ auftreten, der n, ꜣ oder r geschrieben wird, sodass sich „Nil” von ḥrpꞽ zu ḥꜥpꞽ entwickelt haben könnte und nicht, wie Sethe annahm, umgekehrt. Ungeschrieben wären dann eine Liquida und das Schilfblatt (Kahl 1992, 102, Anmerkung 1). So gelesen ist der Fall gar kein Obstruent.↩︎

  9. Kahl 1992, 102 mit Anmerkungen 1–3; das d von ḏd-mdw als akrophonische Abkürzung.↩︎

  10. Sonoranten eingeschlossen: das r in ṯ(rp) und das Schilfblatt in ḥ(ꜥ)p(ꞽ), drei Fälle gegenüber 410 Sonoranten-Auslassungen.↩︎

  11. Kahl 1992, 103 Abb. 1; Kahl 1994, 86 Abb. 7; Rangkorrelation über die Zahl der ausgelassenen Wortform-Typen je Konsonant.↩︎

  12. Die Werte sind einzeln der Literatur entnommen. Schilfblatt: /j/ mit Peust 1999, 49, Loprieno 1995, 33 und Kammerzell (nach Peust 1999, 49); /ʔ/ mit Peust 2016, 89–90 und Kahl 1992, 105. ꜣ: Liquida mit Peust 1999, 127–128 im Anschluss an Schenkel und Kammerzell sowie Loprieno 1995, 31, 33 (/ʀ/); /ʔ/ in der älteren Auffassung von Edel und Vergote (nach Peust 1999, 128). ꜥ: /d/ mit Rössler 1971, 276–277, Kammerzell 1998, 120 (Kammerzell, Frank. 1998. Sprachkontakte und Sprachwandel im Alten Ägypten. Habilitationsschrift, Göttingen) und Peust 1999, 99–102; /ʕ/ mit Loprieno 1995, 31, 33 und Allen 2020, 71, 84. r /ɺ~ɾ/: Peust 1999, 128 (/l/); Allen 2020, 72 ([ɾ]). Die glottalische Reihe und die Frikative folgen Kammerzell 1998, 120: d /tʼ/, ḏ /cʼ/, q /kʼ/, z /t͡s/, ẖ /x/, ḫ /ɣ/; die Ejektive auch bei Loprieno 1995, 34, die Stimmhaftigkeit von ḫ gegenüber ẖ schon bei Rössler 1971, 274, 296–297 (nach Peust 1999, 117), die Affrikate bei Baer und Schenkel (nach Peust 1999, 125–126). ḥ ist sowohl als pharyngales /ħ/ (Peust 1999, 98; Loprieno 1995, 33; Allen 2020, 72) wie als Kammerzells ejektives /xʼ/ (1998, 120) gerechnet; beides sind Obstruenten, und am Folgenden ändert sich nichts. Tabelle und Skript liegen im Projektrepositorium.↩︎

  13. Leave-one-out-Kreuzvalidierung, erwartete logarithmische Vorhersagedichte (ELPD). Die Priors sind bambis Standard, um null zentrierte und an den Daten skalierte Normalverteilungen; die Modelle wurden mit bambi/PyMC angepasst, vier Ketten zu 2 000 Ziehungen, keine Divergenzen, alle R-hat ≤ 1,002; WAIC ergibt dieselbe Reihenfolge mit denselben Abständen. Von den Priors hängt das Ergebnis ebenfalls nicht ab: Mit den breiteren Priors, die McElreath für die logistische Regression empfiehlt – normal, Standardabweichung 1,5 für den Achsenabschnitt und 1 für die Steigungen (McElreath, Richard. 2020. Statistical Rethinking: A Bayesian Course with Examples in R and Stan. 2. Aufl. Boca Raton: CRC Press. Kap. 11) –, oder mit sehr weiten (Standardabweichung 2,5 durchweg) verschiebt sich jede hier genannte Zahl um höchstens 5, bei Abständen zwischen den Modellen von 40 und mehr.↩︎

  14. Kahl 1992, 103.↩︎

  15. Jede Lesart ist durch ihre Werte für das Schilfblatt, ꜣ und ꜥ kodiert, mit den oben genannten Quellen; Kammerzell 1995 nach Peust 1999, 100, Kammerzell für das Alte Reich: Kammerzell 1998, 120; Rösslers Palatal nach Peust 2016, 89 Anm. 4. Die Vokalzeichen- und die zweideutige Lesart geben dem Schilfblatt einen eigenen Term. Leave-one-out-Kreuzvalidierung wie oben; Skript und Tabelle im Projektrepositorium.↩︎

  16. Allen 2020, 82.↩︎

  17. Peust 2016, 90.↩︎

  18. Werning 2016, 31 (Hypothesis 1).↩︎

  19. Werning 2016, 43 (Hypothesis 5).↩︎

  20. Werning 2016, 29 Anm. 4.↩︎

  21. Werning 2016, 30.↩︎

  22. Schenkel, Wolfgang. 1983. Zur Rekonstruktion der deverbalen Nominalbildung des Ägyptischen. Göttinger Orientforschungen IV/13. Wiesbaden: Harrassowitz. Anhang 4.2, 210–252; die Silbenposition jedes Radikals wird an der Strukturformel der Klasse abgelesen.↩︎