Tobias B. Paul

Ägyptologie und antiker Sudan, Korpuslinguistik und Digital Humanities

Ich bin Doktorand an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeite im Teilprojekt B03 Register Variation and Asymmetric Communication in Ancient Egypt des Sonderforschungsbereichs 1412 Register.

Meine Dissertation fragt, wovon die Mischung aus klassischem Mittelägyptisch und neuägyptischen Formen in Texten des Neuen Reichs abhängt — ob die Situation, für die ein Text geschrieben wurde, darüber entscheidet, welche Form ein Schreiber wählte. Ich prüfe das quantitativ an rund zweitausend Texten des Thesaurus Linguae Aegyptiae: Sie sind nach ihrer kommunikativen Situation annotiert, und die Verteilung der Formen wird bayesianisch modelliert. Mehr zum Projekt →

Daneben beschäftigt mich, was quantitative Maße über kurze antike Texte aussagen können und was nicht, sowie die Geschichte des Registerbegriffs in der Ägyptologie. Ein zweites Arbeitsfeld ist die Sudanarchäologie: Ich habe dargelegt, dass der meroitische Kriegselefant eher eine moderne Projektion als eine historische Tatsache ist. Außerdem bin ich Geschäftsführer der Sudanarchäologischen Gesellschaft zu Berlin.

Werdegang

An der Universität Leipzig habe ich Kulturwissenschaften studiert und 2009 den Bachelor erworben. In Berlin habe ich anschließend Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas studiert, 2024 mit dem Master abgeschlossen und daneben Historische Linguistik gehört. Am dortigen Institut für Archäologie war ich studentische Hilfskraft, seit 2024 bin ich wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 1412.

Dieser Weg erklärt, wo die Dissertation steht: Die historische Sprachwissenschaft liefert die Frage, die Ägyptologie das Material. Die Sudanarchäologie ist mein zweites Feld, die Kulturwissenschaft die Perspektive, die ich in beide mitgebracht habe — wie Formen, Bilder und Praktiken im antiken Nordostafrika wanderten und was am Zielort aus ihnen wurde, ist eine Frage, auf die ich immer wieder zurückkomme, zuletzt beim Elefanten: ein hellenistisches Bildmotiv, das Meroe aufgriff und eigenen Zwecken dienstbar machte.

Sprachen und Material — Ägyptisch über seine Sprachstufen hinweg, vom Altägyptischen bis zum Koptischen; Altgriechisch; Archäologie, Geschichte und Schriftkultur des antiken Ägypten und des Sudan; der Thesaurus Linguae Aegyptiae und sein Datenmodell.

Methoden und Werkzeuge — Korpuslinguistik und quantitative Textanalyse, Annotationsdesign, reproduzierbare Verarbeitungsketten unter Versionskontrolle. Korpusdaten bereite ich in Python und R auf und werte sie dort aus; derzeit arbeite ich mich in die bayesianische Modellierung mit Stan ein.

Digital Humanities — Meist beginnt meine Arbeit damit, eine Ressource abfragbar zu machen: philologische Daten für Datenbanken zu modellieren, sie zu beschaffen und zu parsen und die Werkzeuge zu bauen, mit denen sich an eine Edition oder ein Korpus Fragen richten lassen. Außerdem trage ich zu quelloffener Software für die Arbeit mit hieroglyphischen Texten bei.

Glossierung und Unicode — Ich glossiere sicher und routiniert. Die Interlinearglossierung ist kein Zierat, sondern gehört zum sprachwissenschaftlichen Handwerk: Sie hält die Analyse fest und macht sie damit überprüfbar. Für das ältere Ägyptisch folge ich den an der HU Berlin entwickelten Glossierungskonventionen. Neben dem Editor pflege ich eine Glossierungswerkbank, die sie umsetzt: Sie richtet die Morpheme anhand der Segmentierung aus, setzt die Kapitälchen nach Regel, prüft die Glossen gegen die belegten Paradigmen und übergibt das Ergebnis an Word, LaTeX oder eine einfache Datei.

Hieroglyphen setze ich in Unicode statt als Bild oder ersatzweise in Umschrift und möchte alle, die mit dem Ägyptischen arbeiten, dazu ermutigen, es genauso zu halten: Text in Unicode lässt sich durchsuchen, zitieren und weiterverwenden, das Bild eines Textes nicht. Um das zu erleichtern, pflege ich einen Fork von Mark-Jan Nederhofs Hieroglyphen-Editor, der im Browser läuft — mit Tastatureingabe, Zeichenvarianten und Umstellen per Maus, ohne Installation. Für das Meroitische gibt es Merotype, das Umschrift in Unicode überführt und zurück. Alle drei sind Alpha-Versionen, in denen noch einiges hakt: Über Fehlermeldungen und Funktionswünsche freue ich mich.

Wissenschaftskommunikation — Bevor ich in die Forschung zurückkehrte, habe ich jahrelang in der Zeitungsproduktion für Axel Springer gearbeitet, zuletzt als Teamleiter in Redaktion und Produktion, Leserservice und Social Media. Für ein Publikum außerhalb des Fachs zu schreiben und zu redigieren ist mir vertraut, und aus denselben Jahren stammen meine Kenntnisse in Typografie.

Technische Souveränität — Als studentische Hilfskraft habe ich die Technikadministration des Lehrbereichs betreut, und noch heute wenden sich Kolleg*innen an mich, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Ich baue und betreibe Websites, vom Entwurf bis zum Server, auf dem sie laufen. Für meine Forschung habe ich mir eine Umgebung eingerichtet, die sich nach der Arbeit richtet statt umgekehrt, bis hinunter zum Betriebssystem: Wo ein Programm nicht leistet, was die Arbeit verlangt, schreibe ich es um, und wo das System im Weg steht, konfiguriere ich es neu. Das ist keine Bastelei um ihrer selbst willen: Es verschiebt die Grenze dessen, was eine einzelne Person bewältigen kann — so weit, dass eine Korpusstudie vom Umfang meiner Dissertation ohne Team auskommt.

Agentic Coding — Mit Coding-Agenten arbeite ich täglich, quer durch meine Forschung: beim Bauen und Prüfen von Korpuspipelines, beim Synchronhalten von Daten, Code und Manuskript und beim Formulieren der Leitplanken, die diese Zusammenarbeit verlässlich und nicht bloß schnell machen. Der nützliche Teil ist oft nicht der Code, sondern das Nachfragen: Ein Modell, dem Kapitel und Daten vorliegen, kann auf die Lücke in einer Beweisführung zeigen, fragen, was eine Kategorie eigentlich leisten soll, oder mich dazu bringen, klar auszusprechen, was ich vage gelassen hatte. Es neigt allerdings dazu, mir nach dem Mund zu reden, weshalb die Disziplin drumherum wichtiger ist als das Prompten: was ein Agent anfassen darf, was geprüft sein muss, bevor es zählt, und wie Fehler auffallen, bevor sie im Repositorium landen. Kolleg*innen, die diese Werkzeuge in ihre Arbeit holen wollen, berate ich gern.